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Rio is a hot City – Architektur des Überlebens Pedro Lobo / Severino Silva – HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste | Alle Veranstaltungen

 

Rio is a hot City – Architektur des Überlebens

Pedro Lobo / Severino Silva

Zwei Fotografen, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Pedro Lobo, der Künstler, der Ästhet, der die Schönheit gerade dort sucht, wo man sie kaum vermutet: in Favelas, in weggeworfenen Objekten, in einem still gelegten Gefängnis. Severino Silva, der Fotojournalist, der für das härteste Boulevardblatt Brasiliens „O Dia“ (dagegen ist die Bildzeitung in etwa so bieder wie die Apotheken-Rundschau) arbeitet, der selbst in einer Favela lebt, ein begnadeter Netzwerker, der immer genau da zur Stelle ist, wo etwas passiert, ein Fotograf mit einem genialen Blick für Bild und Widerspruch.

Beide dokumentieren mit ihren Bildern auf unterschiedliche Weise Favelas in Rio de Janeiro. Favelas sind keine Slums im eigentlichen Sinne. Sie sind illegale Ansiedlungen, hybride urbane Modelle der Exklusion und Segregation, geschaffen von Millionen von Landarbeitern, die in die Mega-Metropolen Brasiliens kamen und kommen, um hier Arbeit und Überleben zu finden. Ein Staat, in dem es kein Meldewesen gibt und man den Nachweis des Wohnsitzes über die Stromrechnung erbringen muss, macht es leicht, sich da niederzulassen, wo gerade Platz ist. In Rio ist das auf den „moros“, den Bergen, auf denen keine größeren Häuser halten, wo keine Straßen hinführen. Von vielen moros in Rio hat man deshalb den prominentesten Blick auf den „asfalto“, auf „die da unten“, die Stadt der Mittelklasse. Viele der Favelas sind heute Gebiete, die sich jedem staatlichen Zugriff versperren, wo man sich als Ausländer oder brasilianischer Mittelklasse-Weißer besser nicht blicken lässt. Während der Militärdiktatur waren sie Rückzugsgebiete des bewaffneten Widerstands, später wurden aus dem „comando vermelho“ (Rotes Kommando) und anderen die Drogen- und Waffenkartelle der Gegenwart. Sie dominieren die meisten Favelas, sie setzen die Regeln und sorgen für deren Einhaltung, sie kontrollieren, exekutieren und sie sind oft auch die wichtigsten Arbeitgeber in den Favelas. Die Rolle der staatlichen Exekutiven, insbesondere der Polizei ist restlos desavouiert; selbst gewalttätig, oft brutal und vielfach korrupt ist die Polizei mit den Kartellen eng verbunden und wird von Anwohnern und Kriminellen meistens als der größte und eigentliche Feind betrachtet. Viele Favelas befinden sich in einem ständigen latenten Kriegszustand. Mehr als 20 Prozent der geschätzt elf Millionen Einwohner der Region Groß-Rio lebt in Favelas, sie machen einen Großteil des Arbeitsreservoirs für Hausangestellte und prekäre Jobs aus, sozusagen das Dritte-Klasse-Deck, das den ganzen Laden Rio de Janeiro am Laufen hält.

Gemeinsam dokumentieren Pedro Lobo und Severino Silva Schönheit und Gewalt in den Favelas von Rio de Janeiro. Sie zeigen die eigene Ästhetik der Favelas, zeigen den Reiz und die Schönheit der Improvisation, die Wärme des Kommunitären, das Bemühen um Selbstwert inmitten von Chaos und fehlender Infrastruktur. Und sie demaskieren die Armut, sie zeigen die ständige Präsenz von Gewalt und Ausgeliefertsein, von Ausgrenzung und der Alltäglichkeit von Angst. Die Fotos von Pedro Lobo und Severino Silva sind bedrückende und überraschende Zeitzeugnisse von Staatsversagen und Überlebenswillen, von Erfindungskraft, Banalität und Brutalität. Sie sind ein bewegendes Dokument einer zutiefst widersprüchlichen Gesellschaft.

Die Ausstellung Rio is a hot City – Architektur des Überlebens ist wie eine Straßenplakatierung angelegt, temporär, wirklichkeitsnah, anfassbar und wegwerfbar, keine feinen Rahmen, kein entspiegeltes Glas, kein Galerie-Ambiente.

quelle hellerau.org