Krieg ist nie nur Männersache. Frauen leiden, heilen, vergeben und lieben im Krieg – und im Exil. Sie müssen Entscheidungen für sich selbst und ihre Familien treffen und dem Verstand folgen, der oft das Gegenteil von dem rät, was das Herz sagt. Hinter jedem persönlichen Kampf steht eine individuelle Geschichte – doch wer erzählt sie? Im März 2022, kurz nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine, hat die Journalistin Sandy Bossier-Steuerwald das Blog-Projekt »Frauen auf der Flucht« initiiert. Es entstanden bislang 26 Portraits von Frauen aus der Ukraine, auf jeweils Deutsch und Englisch, die persönlich und per Zoom interviewt wurden.
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Bereits 2017 zeigte eine Studie zu »Geflüchteten in der medialen Berichterstattung«, dass diese selbst kaum zu Wort kommen, dass mehr über sie als mit ihnen gesprochen wird. Das Fazit war: Redaktionen schicken Reporter zu wenig raus, die Geschichten von Betroffenen drehen sich eher um Probleme als um Erfolge. Um die Grenzen des digitalen Storytellings über Migration zu erweitern, nutzt der Blog »Frauen auf der Flucht« individuelle Erfahrungen, um vom persönlichen Umgang mit dem Krieg zu erzählen. Aus erster Hand. Die Leser:innen können lernen, Flüchtlinge, ihre Sorgen und Ängste zu verstehen - letztlich können gegenseitiges Verständnis und Empathie durch Flüchtlingsgeschichten die Demokratie fördern.
Der Blog gibt Frauen auf der Flucht eine Stimme bzw. ihnen die Möglichkeit, Gesicht zu zeigen. Die Geschichten sollen Leser:innen den oftmals als abstrakt erscheinenden Krieg nahbar und erfahrbar zu machen - ein Krieg, der medial überwiegend aus einer männerdominierten Sicht vermittelt wird. Der Zugang über die Portraits ist ein »weiblicher« - die Geschichten sind emotional, persönlich und intim. Sie zeigen, wie die Frauen hadern - mit sich, einem schlechten Gewissen den Zurückgebliebenen gegenüber und der problematischen neuen Lebenssituation im Exil. Sie übernehmen Verantwortung für sich, die Kinder und wachsen dabei über sich hinaus. Die Portraits zeugen von Mut und - trotz aller Dramatik - von Frauen auf der Flucht, die so viel bewegen, im Positiven.
Für den Blog hat Sandy Bossier-Steuerwald bewusst entschieden, nach einer Interview-Methode der »Oral History« zu arbeiten. Diese aus den Geschichtswissenschaften stammende Art der erzählenden Gesprächsführung bestimmt maßgeblich den Charakter aller Storys: Sie führt qualitativ offene, narrative Interviews. Es geht um aktives Zuhören, Einfühlungsvermögen und Vertrauen. Die Frauen setzen Themenschwerpunkte und Inhalte selbst. Die Interviewerin geht möglichst unvoreingenommen und ohne vorbereitete Fragen ins Gespräch. Wenn nötig, stößt sie das Gespräch lediglich an: »Wie erinnern Sie den 24. Februar 2022?« Die Frauen erzählen subjektiv, es wird nicht bewertet, es werden keine Fakten geprüft. Es geht um Authentizität, nicht um Verifikation. Bossier-Steuerwald trifft gewöhnliche Frauen allen Alters und sozialen Schichten, die momentan einen von äußeren, politischen Umständen erzwungenen (Um)Bruch in ihrer Biografie erleben. Sie sind im Zuge dieser Flucht aus sich herausgewachsen, haben nicht nur Landesgrenzen, sondern auch die eigenen Grenzen übertreten - meistens ohne sich dessen bewusst zu sein. Aufgrund dessen, finden sie sich in der Lage wieder, außergewöhnliche Dinge zu erzählen und zu tun. Es entstehen kraftvolle Geschichten, vielleicht Zeitdokumente. Die Interviews von 90 Minuten Länge werden transkribiert, bevor die Frauen aus der Ich-Perspektive portraitiert werden. Sandy Bossier-Steuerwald selektiert durch inhaltliche Kürzungen, setzt thematische Schwerpunkte und arrangiert den Inhalt nach einer logischen Abfolge sowie reportageartigem Narrativ. Es gibt oft einen szenischen Einstieg, aussagekräftige Passagen inklusive zeitlicher, biografischer Rückblicke und einen Schluss, der zum Nachdenken anregt. Sie selbst kommt als Interviewerin nie vor.
In 2022 konnte der Blog zehntausende Leser:innen in 62 Ländern weltweit erreichen. Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juli 2022 initiierte Sandy Bossier-Steuerwald mit Tatjana Kiel, Geschäftsführerin von Klitschko Ventures, einen Portrait-Pakt mit 14 namenhaften Influencerinnen in Deutschland und 14 ukrainischen Frauen auf dem Blog: Im Rahmen einer LinkedIn-Kampagne erzählten sie in individuellen Posts ihren Follower*innen von Frauen auf der Flucht. Darüber hinaus wurden Interviews zum Entstehen des Blogs auf stern.de und brigitte.de veröffentlicht. Frau Bossier-Steuerwald war als key note speaker bei der Heinrich-Böll-Stiftung geladen und bei internen- Unternehmenpanels bei ebay und McKinsey als speaker. Im Juni 2023 bekam sie den European Digital Publishing Award in Wien verliehen - der Blog wurde als »Digital Plattform of the Year« ausgezeichnet. Beim IMPULS Festival für neue Musik gab es im Oktober 2023 in Halle eine szenische Lesung mit Musik von acht portraitierten Frauen. Sie spielten auch vor Schüler:innen und sehbehinderten Menschen, eine Hörfassung wurde professionell produziert.
Quelle: Societätstheater