Die neunte Ausgabe der loungeaffairs präsentiert Fotografien von Norbert Vogel (1944–2023) unter dem Titel „Stadtraum“. Die Ausstellung in der Cafeteria Bib-Lounge der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB Dresden) zeigt eindrückliche Aufnahmen von Leipzig aus den letzten Jahrzehnten der DDR, zwischen Agonie und Aufbruch.
Die Deutsche Fotothek übernahm Norbert Vogels komplettes Negativarchiv im Jahr 2023.
Die vom Studentenwerk Dresden geführte Cafeteria Bib-Lounge in der SLUB (Zellescher Weg 18, 01069 Dresden, 1. OG) hat Montag bis Freitag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. „loungeaffairs #9: Norbert Vogel. Stadtraum“ ist dort bis zum 24. Januar 2027 zu sehen, der Eintritt ist frei.
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Der Fotograf und seine Stadt
Schwarz-Weiß-Fotografie mit 4 Menschen, die an einer Ampel warten
Friedrich-Engels-Platz, Leipzig, 1985 © Deutsche Fotothek/Norbert Vogel
Norbert Vogel gehört zu den Großen der ostdeutschen Fotografie. Seine Themen waren der Mensch als soziales Wesen und seine Umwelt – stets verstanden als gestaltete Umgebung, die auf das Individuum zurückwirkt und seine Lebenswirklichkeit prägt.Norbert Vogels Leipzig, heute nach Umfragen eine der lebenswertesten Städte Europas, zeigt er ab Mitte der 1970er Jahre in dichten Smog gehüllt. Die Stadt erscheint als erstarrter, seltsam leerer, geradezu unbewohnter Lebensraum, den Menschen lediglich schattenhaft passieren. In fahlem Licht werden Brücken, Straßen und Fassaden, Mauern, Zäune oder Abrisshäuser zu Sinnbildern eines erschöpften, perspektivlosen Ortes mit ungewisser Zukunft.
Schwarz-Weiß-Fotografie mit Mülltonnen im Vorder- und Häusern im Hintergrund, an der Mauer Schilder mit Aufschrift Softeis, Pasteten, Waffeleis, Grog
Petersstraße mit Thomaskirche, Leipzig, 1983 © Deutsche Fotothek/Norbert Vogel
Vogels unspektakulär wirkende, auf den gewöhnlichen Alltag fokussierende Aufnahmen begreifen den Stadtraum nicht als bloße Kulisse, sondern rücken diesen als wesentliche Einflussgröße auf die Lebenswirklichkeit in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Mit seinem dokumentarischen, von subtiler Melancholie durchzogenen Blick macht er die tiefgreifenden ökologischen und ökonomischen Probleme sichtbar und entwirft das Bild einer Stadt in stiller Agonie. Mit formaler Strenge, sorgfältiger Komposition und einem Blick für das Detail gelingt es dem Fotografen, aus der Tristesse der späten DDR ein bedrückendes, dennoch nie hoffnungsloses Porträt der Zeit kurz vor dem Aufbruch von 1989 zu schaffen. Seine Fotografien sind das Ergebnis gleichermaßen empathischer wie präziser Beobachtungen einer von Mangel, Umweltbelastung und Verfall geprägten Alltagsrealität, die angesichts umfangreicher Sanierungsmaßnahmen heute kaum noch nachvollziehbar ist.Norbert Vogel absolvierte eine Lehre als Fotograf in Eichwalde bei Berlin, bis 1970 studierte er Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Anschließend war er freischaffend im Berliner Raum und in Leipzig tätig. Es entstanden zahlreiche Reportagen und Dokumentationen, Sachaufnahmen für Anzeigen, Kataloge und Messen sowie Portraits und Akte, Stadt- und Landschaftsaufnahmen, Reisefotografien, Fotomontagen für Werbezwecke und als freie Arbeiten. Zentrale Veröffentlichungen waren u. a. Leipziger Landschaften, 1987 in erster Auflage erschienen, Meine graue Stadt. Leipziger Ansichten 1966–1991 (2011).
Parallel zu den loungeaffairs in der SLUB wird mit „Freiraum“ ein weiterer Ausschnitt aus Norbert Vogels Werk vom 30.7. bis 12.9.2026 im Ausstellungsraum bautzner69 gezeigt. Dort liegt der Schwerpunkt auf Motiven selbstbestimmten Lebens und der Suche nach persönlicher wie gesellschaftlicher Freiheit in einem unfreien Staat. Die Deutsche Fotothek und bautzner69 setzen ihre Kooperation damit fort.
Kurator Jens Bove sagt: „Wir freuen uns sehr, dass wir Norbert Vogels Werk aus zwei sich ergänzenden Perspektiven zeigen können. Komplementär betrachtet lassen die beiden Ausstellungen Vogels ganz persönlichen Blick auf die Lebensverhältnisse in der späten DDR sichtbar werden.“
Die zu beiden Ausstellungen im publish&print Verlag Dresden erscheinende Publikation wird am 14.08.2026, um 19, Uhr im Rahmen der Midissage in der bautzner69 vorgestellt.